
2.8.2007
Erlebnisklo
bei den ÖBB
Die merkwürdigen Erlebnisse
eines Bahnreisenden, Teil 1
Angesichts des seit 1990
explodierenden Straßenverkehrs ist eine attraktive Bahn für
Österreich lebenswichtig. In erster Linie ist es dabei nicht
wichtig, mit Hochgeschwindigkeit eine Viertelstunde früher am
Ziel zu sein, vielmehr sollte die Zeit der Reise als angenehm
empfunden werden. Ein geheizter Warteraum, wenn es winterlich kalt
ist, ein WC, und an größeren Bahnhöfen ein nettes
Wirtshaus, wo man vielleicht Essen gehen kann – all das sollte
eigentlich selbstverständlich sein. Wünschenswert wäre
eventuell auch noch ein netter Bahnmitarbeiter am Schalter, der
Auskünfte geben kann.
Bild 1 zeigt, wie es sein könnte:
Ein mit Blumen geschmückter Bahnsteig, dahinter ein einladender
Warteraum, übrigens im Bahnhof Gaweinstal, wo inzwischen der
Bahnbetrieb eingestellt wurde. Um Personal einzusparen, wurden in den
letzten Jahren viele Fahrkartenschalter kürzer geöffnet
oder ganz geschlossen, Bahnkunden wurden auf Automaten oder neuartige
SMS-Tickets verwiesen, wobei der Autor dieser Zeilen vor einer
Zugreise nach 6 Versuchen scheiterte, ein SMS-Ticket zu erwerben, bis
ihm mitgeteilt wurde, dass SMS-Tickets bei Telering-Handys halt nicht
funktionieren.



In
Leobersdorf an der Südbahn zeigen sich die Folgen der
Personaleinsparung an Bahnhöfen besonders krass. Vor 200 Jahren
wurde dort eine Wasserstrasse gebaut, die bis an die Adria führen
sollte, aber leider schon hinter Wiener Neustadt buchstäblich im
Sand verlief (Foto). Heute ist Leobersdorf ein Bahnknotenpunkt, wo
die Strecke ins Triestingtal von der Südbahn abzweigt und
diverse Buslinien abfahren. Also ein Bahnhof, wo man zuweilen warten
muss. Arbeitslosigkeit hin oder her, im Juli 2004 wurde der letzte
Kassenbeamte entfernt, wobei besonders der Hinweis verwundert, dass
man, abgesehen vom Automaten, sich auch an eine Personenkasse in
Baden oder Wiener Neustadt wenden könne (Bild 3). Wie man diese
ohne Ticket erreicht, oder ob man bei Unklarheiten mit dem Automaten
erst nach Baden fahren solle, lässt das Plakat offen. (Wer
nämlich ohne Ticket in den Zug einsteigt, zahlt neuerdings mehr
als 60 Euro Zuschlaggebühr!!!)
Die Personaleinsparung um
jeden Preis erwies sich in Leobersdorf nicht unbedingt als
kosteneinsparend, denn der abends zuweilen einsame Bahnhof lud ab
sofort Idioten ein, Automaten und Toiletten zu demolieren (Fotos).
Wobei die Automaten extrem teuer sind und die zahllosen Reparaturen
nach jeder Zerstörung Unmengen kosteten.

Damit Warteräume in diversen
verwaisten Bahnhöfen nicht ebenfalls demoliert werden, verfiel
ein Intelligenzbolzen bei den ÖBB auf eine geniale Idee: Ein
versperrter Warteraum kann nicht beschädigt werden, gleiches
gilt für WC-Anlagen. Daher fanden die verdutzten Bahnreisenden
in den vergangenen Jahren in verschiedenen Bahnhöfen auf einmal
wunderschön geputzte, unbeschädigte Warteräume vor,
die sie allerdings wegen einer versperrten Tür nicht betreten
konnten. Telefonisch wurde mir damals erklärt, das Versperren
sei eine tolle Idee gewesen. Ich wendete ganz zaghaft ein, dass ich
einen beschmierten Warteraum, in dem ich sitzen kann - meinetwegen
mit einem leicht beschädigten Sitz - eigentlich lieber habe als
einen tollen intakten Warteraum, den ich bei eisigem Schneeregen nur
durchs Fenster sehen kann. Dieser Einwand stieß damals, 2004,
bei einem hochrangigen Pressemann der ÖBB auf Unverständnis.
Dabei wäre es leicht möglich, WC-Schüsseln, Sitzbänke
und Türen aus unzerstörbarem Material (Metall,
Hartkunststoff) anzufertigen.
Bei einem Lokalaugenschein in
Leobersdorf im Jahr 2004 warteten etwa zwei Dutzend Leute stehend auf
der Stiege und oberhalb davon im ungemütlichen, zugigen
Bahnhofsvorraum (Foto), da ein Bus erst in etwa 20 Minuten kommen
würde und es keinen Warteraum gab.

Damals
wurde überdies die geniale Klo-Wochenendsperre eingeführt
(Foto): Von Freitag Mittag bis Montag früh darf niemand das
Bahnhofs-WC benützen.



Grund
für die Wochenendsperre: Weil kein Bahnbeamter mehr da ist und
die Gefahr von Vandalismus zu groß sei. Bahnhofswirtshaus (mit
WC) gab es damals auch keines mehr (Foto), sodass ein älteres
Ehepaar ganz verzweifelt herumirrte und schon überlegte, ob sie
im Gebüsch hinter dem Bahnhof ihre Notdurft verrichten sollten
(gestelltes Foto). Übrigens, wer in der ÖBB-Hierarchie für
diese absurde Maßnahme verantwortlich ist, wollte mir auch
jetzt, 2007, selbst nach mehrmaligem Nachfragen niemand mitteilen.
Anscheinend fiel die Entscheidung in einer ganz, ganz hohen Ebene der
ÖBB-Infrastruktur-Betrieb-Gesellschaft. Schon damals, 2004,
erklärte mir ein hochrangiger Pressemitarbeiter der Bahn mit
erschreckender menschenverachtender Gleichgültigkeit, die Leute
sollten sich halt ihren Klogang einteilen oder auf den nächsten
Zug warten.
Im Jahr 2007 staunen Fahrgäste der ÖBB
nun über eine neue Idee der ÖBB: Bahnhofstoiletten
beispielsweise in Baden, Leobersdorf und Wiener Neustadt können
nur mehr gegen Bezahlung benützt werden. Wer keine 50-Cent-Münze
hat, muss auf den Klogang verzichten.

Heikel ist dies besonders in Baden und
Leobersdorf, wo der Fahrkartenschalter abgeschafft wurde. Auf dem
ausgestorbenen Bahnhof gibt es abends keine Geldwechselmöglichkeit,
wer keine Münze hat, kann seine Fäkalien hinter dem
Bahnhofsgebäude absetzen. Als Bahnkunde (und nicht als
Journalist) rief ich deshalb bei der Beschwerdehotline an, später
kontaktierte mich ein Bahnmitarbeiter, der mich um eine schriftliche
Formulierung der Anfrage bat, die er an die Beschwerdestelle
weiterleiten musste, da Bahnmitarbeiter keine Auskünfte zu
solchen Themen geben dürfen. Von der Beschwerdestelle bekam ich
dann allerdings keine Antwort, sondern nur einen Fragebogen. Frau
Mag. Doris Pulker-Rohrhofer, Leiterin des Qualitätsmanagements
Personenverkehr teilte mir mit, ich könne an der Verlosung einer
Fahrkarte teilnehmen, wenn ich per Fragebogen mitteile, wie zufrieden
ich mit der Beschwerdebetreuung der ÖBB war. Eigentlich hätte
ich, sozusagen als Bahnkunde, lieber eine Antwort bekommen, statt
eine Verlosung.
Im Juni 2007, nachdem ich mitgeteilt hatte,
dass ich als Journalist recherchiere, bekam ich nach mehreren Wochen
dann doch eine Antwort, nämlich ein mail von der
ÖBB-Infrastruktur Betrieb AG, vom infra.kundenservice @ oebb.at.
Es enthielt buchstabengetreu die originelle Auskunft:
„Wir möchten uns für die lange Wartezeit entschuldigen! Aufgrund mangelnder Ressourcen war es uns nicht möglich früher auf Ihr Schreiben zu antworten. Wir dürfen Ihnen folgende Stellungnahme weiterleiten: WC in Leobersdorf: von Fr (14:00 Uhr) bis Mo (06:00 Uhr) ist wegen häufigem Vandalismus geschlossen, auch einen Brand hatten wir schon vor ca. 3 Monaten, wenn ein WC beschmiert und devastiert ist - benützt es keiner alle halben Stunde fährt ein Zug in Leobersdorf in dem man das WC benützen kann. WC in Baden: uns sind fast keine Störungen der Münzer bekannt dürfte sich eher um einen Einzelfall handeln auch in Baden fährt alle halben Stunde ein Zug wo das WC verwendet werden kann Münzer tragen zu mehr Sicherheit des Inventars und besseren Sauberkeit bei. Mit freundlichen Grüßen Ihr Team von INFRA.kundenservice“
Also zusammengefasst: Wenn ich mit dem Zug ankomme und auf einen
Bus warte, kann ich ja das WC eines Zuges verwenden, der alle halben
Stunden irgendwo hinfährt, wo ich nicht hin will. Oder anders
gesehen: Eine halbe Stunde kann man es ja ohne WC aushalten.
Der
neueste Stand, Lokalaugenschein im Juli 2007: In Leobersdorf gibt es
auch am Wochenende wieder ein WC (gegen Geld), Videokameras sollen
Vandalismus verhindern, und es gibt auch längst wieder ein
Bahnhofswirtshaus. Wartesaal gibt es überhaupt keinen, wer auf
den Bus wartet, kann im Freien auf einer Bank sitzen oder im Fall von
Schnee oder Regen in einer sterilen Halle stehen. Wer auf den Zug
wartet, findet am Bahnsteigbeginn eine leider dem Wind ausgesetzte
Stelle neben der Treppe vor.
Pressesprecher Ruhaltinger wirkte
in einem Telefongespräch sehr engagiert und bemüht und
teilte mit, die Geldautomaten an den Klotüren werden teilweise
wieder reduziert werden und nur dort bleiben, wo auf sehr einsamen
Bahnhöfen besondere Vandalismus-Gefahr herrscht. Insgesamt sei
man bemüht, Bahnhöfe ansprechend zu gestalten, auch die
Wochenendsperre beim WC in Leobersdorf sei inzwischen abgeschafft
worden. Eine Gestaltung von Warteräumen und Toiletten aus
unzerstörbarem Material (Metall) sei teilweise aus
baurechtlichen Gründen nicht erlaubt.
In vielen
Bahnhöfen werden Fahrkartenschalter geschlossen und in Zügen
Schaffner eingespart (dafür gibt es beim Fahrkartenkauf im
Umfeld von Wien drakonische Preiszuschläge, statt 3 Euro zahlen
die Fahrgäste im Zug mehr als 60 Euro Zusatzgebühr). Dafür
gibt es aber neu engagiertes Personal in größeren
Bahnhöfen: Mitarbeiter von externen Security-Firmen stehen
stundenlang planlos herum, kosten Geld und nützen den Fahrgästen
überhaupt nichts (Foto). Von Zugverbindungen oder
Fahrkartenautomaten haben sie keine Ahnung, fragen kann man sie daher
nichts. „Sandler vertreiben“ sei ihre Aufgabe, erfährt
man, äh, nach einer Weile fügen sie hinzu, also nein, es
werde den Obdachlosen nur freundlich nahegelegt, den Bahnhof zu
verlassen. Aha. Damit die Reichen im Land nicht sehen müssen,
dass es Armut gibt? Naja, meint der Security-Mann entschuldigend, die
Obdachlosen würden zuweilen stark stinken. Vielleicht mag das
stimmen. Aber die Leute im Winter in den Schnee hinaustreiben ist mit
Sicherheit keine Lösung.

Hoffen
wir nach den engagierten Worten von Pressesprecher Ruhaltinger, man
wolle angenehme Bahnhöfe schaffen, wo sich Menschen wohl fühlen,
dass im Bahnmanagement kundenfeindliche Maßnahmen künftig
vermieden werden. Herumstehende, fad dreinblickende Security-Leute,
die Obdachlose vertreiben, sind jedenfalls nicht der Weg dorthin. Als
häufiger Bahnfahrer habe ich nie ein Problem mit Sandlern
gehabt. Hingegen sind Grundbedürfnisse wie ein heizbarer
Warteraum, ein kleines Wirtshaus oder zumindest ein Imbissstand, und
vor allem ein geöffnetes, kostenfreies WC essentiell, damit ich
mich im Bahnhof wohlfühle. Also ein WC, das ich bei Bedarf auch
unter Zeitdruck benützen kann. Und nicht eines, wo ich vom
Pontius zum Pilatus rennen muss, um einen Euro-Schein in Kleingeld
umzuwechseln (ist mir tatsächlich schon passiert). Und offene
Toiletten und Warteräume, mögen sie auch beschmiert und
leicht beschädigt sein, sind mir jedenfalls lieber als
super-saubere Einrichtungen, die hinter einer versperrten Tür
erahnt werden können. Denn durch versperrte Türen gehen
kann zumindest ich leider noch nicht.
Im Teil 2 erfahren Sie
Erstaunliches: Wie die Gäste einer Kurstadt durch ein
Betonmonster geschleust werden, während die Nachbargemeinde aus
ihrem Bahnhof eine bezaubernde Oase gemacht hat.