
9.8.2007
Das
Badener Betonmonster von Marta Schreieck und Dieter Henke und die
Bahnhofs-Oase von Brunn
Die merkwürdigen Erlebnisse
eines Bahnreisenden, Teil 2
Der zweite Teil dieser
Eisenbahnreportage behandelt die architektonische Gestaltung von
Bahnhöfen: Eine durchaus subjektive Analyse schildert einen
Bahnhof in Niederösterreich, dessen Betonarchitektur in
bedrückender Weise an eine Autobahnunterführung erinnert,
sowie einen benachbarten Bahnhof, der von der Gemeinde wunderschön
revitalisiert und geradezu in eine Oase verwandelt wurde.
Die
Kurstadt Baden ist seit langem für ihre eng verwobene Symbiose
aus Villenarchitektur und umgebender Naturlandschaft berühmt.
Ihr Bahnhof stammte erstaunlicherweise im Kern aus der Anfangszeit
der Eisenbahn, hatte also historischen Wert, wenngleich das
Originalgebäude schon mehrmals umgebaut wurde. Erbaut im Jahr
1841, renoviert 1955, war er natürlich nicht ganz auf dem
neuesten Stand: Die Stiegen und der Personendurchgang waren ein wenig
finster, es gab keine Aufzüge, aber es gab immerhin zu beiden
Bahnsteigen einen stufenfreien (barrierefreien) Zugang, es gab an
einem Bahnsteig ein Bahnhofswirtshaus, und es gab einen gemütlichen
beheizten Wartesaal. Dessen Wände zeigten überdies Bilder
von mehr als einem Dutzend Sehenswürdigkeiten aus der Region
(Foto).

Ursprünglich
sollte der alte historische Bahnhof in einen Neubau integriert
werden, dann entschloss man sich jedoch, das Bauwerk abzureißen.
In den Jahren 2002 bis 2005 wurde nach einem Konzept der Architekten
Dieter Henke und Marta Schreieck ein Neubau errichtet. Der gläserne
Gesamtanblick mag durchaus ansprechend wirken, und auch die
Bahnsteigbereiche sind recht gut gestaltet, allerdings verhindern die
neuen Lärmschutzwände den bisherigen Ausblick auf die
Kurstadt. Gaststätte gibt es oben beim Bahnsteig keine mehr, und
die gläserne Wartekabine ist weitaus kleiner als der einstige
geheizte Warteraum.
Graue Betonlandschaft in Baden

Einen
abstoßenden Eindruck hinterlässt jedoch das Erdgeschoss
des Bahnhofs. Die Architekten Dieter Henke und Marta Schreieck haben
hier eine graue Betonlandschaft inszeniert, die unverputzt und
schmucklos an eine Autobahnunterführung erinnert (Foto).
Verloren sitzen Menschen in der Leere eines grauen Lochs (Foto),
Treppen und Info-Elemente zeigen nicht den geringsten Ansatz einer
Gestaltung (Foto ganz oben).

Architekten finden dieses Bauwerk allerdings großartig. Der 1948 geborene Schweizer Architekt und Autor Walter Zschokke schrieb im April 2005 in der Presse über die unverputzten Betonkubus-Elemente, es herrsche „Klarheit und kluge Angemessenheit“. Es sei Henke und Schreieck gelungen, „ein Zeichen zu setzen“: „Einerseits mit einer nichts zu wünschen übrig lassenden Klarheit, andererseits mit kluger Angemessenheit im Umgang mit dem Vorhandenem“. Aha!? Mit Klarheit sind offenbar die einfallslos glatten Betonoberflächen gemeint?
Marta Schreieck berichtet auf
telefonische Anfrage, das alte Bahnhofsgebäude hätte
ursprünglich als Drogeriemarkt neben dem neuen Bahnhof stehen
bleiben sollen, sie sei aber sehr froh, dass es nun doch weg sei. Zur
Frage, warum das Erdgeschoss aus unverputztem, rohbauartigem Beton
besteht, meint sie, es gehe um das Raumerlebnis: Es handle sich nicht
mehr um einen Tunnel, sondern um eine Halle und ein Atrium mit
Aufgang. „Wir empfinden den Sichtbeton als sehr angenehm“,
sagt Schreieck, „weil er angenehme Kühle symbolisiert. Er
ist widerstandsfähig, noch immer absolut unbeschädigt, hält
sich ausgezeichnet, ist puristisch und verdreckt nicht.“ Der
Beton sei außerdem sehr schön gemacht worden, man müsse
ihn im Gegensatz zu verputzten Wänden nie wieder neu streichen.
Eine Seite des Tunnels (also doch ein Tunnel??) werde demnächst
als Leuchtwand mit Monitoren und Fahrplänen bespielt.
Von
den Architekten Henke und Schreieck stammt übrigens auch das
nach Demolierung des Kaipalasts errichtete, höchst umstrittene
Bürohaus K47 am Franz Josefs Kai, demnächst sollen sie
außerdem den neuen Bahnhof Landstrasse/Wien Mitte samt den
darüber befindlichen Hochhäusern bauen: Das Foto zeigt
Stadtrat Rudolf Schicker mit den beiden Architekten und deren
Wien-Mitte-Modell. Hoffen wir, dass die dortigen Bahnhofsbereiche
weniger ungastlich und ideenlos wirken als der unverputzte Rohbau in
Baden.

Marta
Schreieck und Dieter Henke gemeinsam mit Stadtrat Rudi Schicker vor
einem Modell des geplanten Bahnhofs Wien-Mitte (Foto: Stadt Wien)
Bahnhofsarchitektur hat bei den
ÖBB diverse seltsame Stadien durchgemacht. Während frühe
Bauten oft trotz Standardisierung viel Liebe zum Detail zeigten und
trotzdem äußerst funktionell geplant waren (z.B.
Großweikersdorf), kam es ab den 80er Jahren zu recht
merkwürdigen Bauten (z.B. Siebenhirten bei Mistelbach,
Pfaffstätten).

Bahnhof
Groß Weikersdorf – schön und kundenfreundlich, mit
Warteraum, Vordach und Liebe zum Detail

Haltestelle
Siebenhirten im Weinviertel – zugig, abstoßend und
eingezäunt

Bahnhof
Pfaffstätten – ein seltsames, irgendwie misslungen
wirkendes Objekt
Oase - in jeder Hinsicht
Ein ausgezeichnetes Beispiel für einen genial revitalisierten Bahnhof bietet Brunn-Maria Enzersdorf, eine Bahnstation nördlich von Baden an der Südbahn. Mitte der 90er Jahre sollte auch dort der desolate Bahnhof abgerissen werden. Die Gemeinde schaffte es nach langwierigen Verhandlungen schließlich, den ÖBB das Gebäude abzukaufen und zu retten (Foto).

2004 war es dann soweit: Der Bahnhof
samt umgebendem Gartenareal wurde zu einem Schmuckstück, das
auch in funktioneller Hinsicht bestens gestaltet ist: Stiegenfreier
Zugang, Warteraum, kostenfreie Toiletten und ein großartiges
neues Bahnhofswirtshaus („Parkcafé“) nahe dem
Bahnsteig.

Neben
blühenden Oleanderbüschen können die Momente vor oder
nach einer Bahnreise kulinarisch genossen werden (Foto), viele
Einwohner der Gemeinde besuchen sogar extra fürs Essen oder
Trinken den Bahnhof.

Angesichts etlicher geplanter
Bahnhofsneubauten in Österreich bleibt zu hoffen, dass sich all
diese neuen Gebäude an den Bedürfnissen der Bahnreisenden
orientieren und nicht zu einer provokanten Selbstverwirklichung von
Architekten verkommen.
Im dritten Teil der Reportage wird
geschildert werden, warum alte Menschen und Frauen mit Kinderwägen
an Bahnhöfen oft unnötig durch Stiegenunterführungen
geschleust werden, und wie die ÖBB eine Nebenbahnstrecke durch
unnötiges Umsteigen unattraktiv machen.
P.S. Ein
Nachtrag zum ersten Teil: Auch im Bahnhof Heiligenstadt hat die ÖBB
kürzlich beim BahnhofsWC eine mechanische Schleuse eingebaut,
die Geld fordert.
P.P.S. Nachtrag 2008: Inzwischen wurden im Betontunnel von Baden Leuchtwände und ein Fahrkartenautomat montiert, um die grauen Betonwände ein wenig zu verstecken.