14.8.2007
Stiegensteige-Pflicht
Die merkwürdigen Erlebnisse
eines Bahnreisenden, Teil 3
Auch im dritten Teil dieser
Bahnreportage soll aufgezeigt werden, wie Bahnreisen in Zeiten des
explodierenden Straßenverkehrs attraktiv gestaltet werden
könnten. Beziehungsweise was Bahnkunden nervt und zum eigenen
Auto treibt.
Stichwort Stiegenschikanen:
Früher, als die Zugdichte noch
geringer war, strömten Reisende quer über die Schienen zum
einfahrenden Zug. Aus Sicherheitsgründen ist heute das
Überqueren der Gleise in vielen Bahnhöfen verboten. Nun
wäre es naheliegend, außen, an beiden Seiten der
Hauptgleise, Bahnsteige anzubringen, die direkt und stufenlos mit der
Umgebung verbunden sind. Nur wer zum Gleis der Gegenrichtung will,
muss eine Unterführung benützen.
Schon in den 80er
Jahren entwickelte die ÖBB jedoch eine ausufernde Begeisterung
für Inselbahnsteige, die also zwischen den Gleisen liegen. Der
Grund bestand hauptsächlich darin, dass bei modernen
Signalanlagen zuweilen Züge am anderen Gleis unterwegs sein
können (Gleiswechselbetrieb, parallel in eine Richtung fahrende
Züge, etc.). Der gravierende Nachteil liegt auf der Hand: ALLE
Fahrgäste müssen auf JEDEN Fall durch eine
Stiegenunterführung. Der Bahnsteig direkt beim Bahnhof
(„Hausbahnsteig“), der stufenlos von der jeweiligen Stadt
erreichbar ist, bleibt hingegen völlig ungenutzt. Die Stiegen
wurden seit den 80er Jahren viel steiler gebaut als in früherer
Zeit (vgl. alter Bahnhof Baden, Otto-Wagner-Stationen der Stadtbahn),
wer mit Rollstuhl oder Kinderwagen unterwegs ist, kann sich die Kugel
geben, falls nicht irgendwo ein Helfer in Sicht ist.
Sehr
viele große Bahnhöfe in Wiens Umgebung leiden unter diesem
Missstand, etwa Gänserndorf (Bild 01), Stockerau, Korneuburg
(Bild 02), in neuester Zeit sogar Liesing (Bild 3) (wo es allerdings
einen abgelegenen Lift in ein Parkhaus gibt), usw. Bei diesen dicht
befahrenen Strecken kommt ein Wechsel der Fahrtrichtung extrem selten
vor, die Inselbahnsteige verursachen eine völlig sinnlose
Stiegen-Quälerei für alte Menschen, Mütter mit
Kinderwägen und Rollstuhlfahrer.

Gänserndorf:
Der Hausbahnsteig wird nicht genützt

Leobersdorf:
Der Hausbahnsteig wird nicht genützt
Viele dieser Treppen in den
Unterführungen besitzen nicht einmal Rampen für Kinderwägen
oder Rollstühle, etwa Korneuburg, Stockerau oder Wolkersdorf.
Der neue ÖBB-Pressesprecher Alfred Ruhaltinger, bis Juni 2006 im
PR-Bereich außerhalb des Eisenbahnwesens tätig,
versicherte jedoch, dass solche Rampen Schritt für Schritt
nachgerüstet werden sollen. Freut uns Bahnkunden, hätte
allerdings schon vor 20 Jahren passieren können.
Teilweise
werden auch betriebliche Gründe angegeben, warum ein
Inselbahnsteig verwendet wird. In Wolkersdorf zum Beispiel, wurde mir
vor vielen Jahren vom für NÖ zuständigen
Pressesprecher Johann Rankl erklärt, sei der Bahnsteig beim
Bahnhof für Schnellbahngarnituren (Doppelgarnituren) zu kurz und
könne nicht verlängert werden, da seitlich ein Gütergleis
abzweige. Deshalb benützten alle Züge den Inselbahnsteig.
Nun, im Jahr 2007, man sehe und staune, wird der Bahnsteig direkt
beim Bahnhof Wolkersdorf, ein wenig verlängert, regelmäßig
von Schnellbahnen genutzt. Die Einführung eines
15-Minuten-Schnellbahntaktes machte einen dritten Bahnsteig nötig,
und es zeigte sich, dass die Verwendung des Hausbahnsteiges mit etwas
Phantasie und Geldmittel für einen Umbau möglich war.
Angesichts hunderter Fahrgäste, die sich täglich durch die
Unterführungen und über die steilen Treppen (ohne Rampen
oder Aufzüge) quälen, wäre eine vermehrte Verwendung
von außen liegenden Bahnsteigen (wie in Baden oder
Strebersdorf) dringend in Erwägung zu ziehen.
In Mödling
steht man, von der Kassenhalle kommend, sogar direkt vor der
Schnellbahn nach Wien, ist jedoch durch ein Gitter von ihr getrennt
und muss Stiegen oder Aufzüge benützen. Anscheinend sind
ÖBB-Lokführer mit einem beidseitigen Öffnen und
abgesicherten Schließen der Türen überfordert?
Hunderte Fahrgäste würden sich sonst die Unterführung
sparen können (wobei der Aufzug zum Inselbahnsteig übrigens
seit mehreren Monaten (!!) kaputt ist, da die ausländische
Aufzugsfirma seit dem Frühjahr 2007 keine Ersatzteile schicken
konnte). Ein wenig Phantasie mit beidseitigem Türenöffnen
der Schnellbahn könnte ein stufenloses Einsteigen in den Zug
ermöglichen: Niederflurschnellbahnen nützen nichts, wenn
man vorher dutzende steile Stufen erklimmen muss. (Die zusätzliche
Beibehaltung der Mödlinger Inselbahnsteige ist in diesem
speziellen Fall übrigens sinnvoll, weil sie ein Umsteigen
zwischen Schnellbahn und Eilzügen ermöglicht.)
Im
nächsten Abschnitt, Teil 4, wird geschildert, durch welche
Fehlentscheidungen der ÖBB gerade eine Nebenbahnlinie ruiniert
wird.