16.8.2007
Umsteige-Zwang:
Wie die ÖBB eine Nebenbahnlinie aushungern
Die merkwürdigen Erlebnisse
eines Bahnreisenden, Teil 4
Ein besonders skurriles
Bauwerk wurde kürzlich mitten im freien Gelände an der
Mistelbacher Schnellbahnlinie mit beachtlichem Kostenaufwand
errichtet. Es zwingt Bahnkunden nicht nur zum sinnlosen Umsteigen,
sondern unterminiert auch die Existenz einer wichtigen Nebenstrecke
der ÖBB. Als 1988 der schwer erreichbare Stammersdorfer Bahnhof
aufgelassen wurde, baute die ÖBB eine Haltestelle
Obersdorf-Pillichsdorf, wo Fahrgäste von der Schnellbahn (Bild
06) in einen Dieseltriebwagen Richtung östliches Weinviertel
umsteigen konnten (Bild 07 und 08). Statt drei Zügen pro Tag
wurde ein Stunden-, nachmittags sogar ein Halbstundentakt eingeführt.
Die Fahrgastzahlen explodierten, ein sensationeller Aufschwung dieser
Strecke zeigte, wie Nebenbahnen gerettet werden können. Dann
aber kam der Schildbürgerstreich: Als mit fast zehn Jahren
Verspätung die Schnellbahnstrecke nach Wolkersdorf endlich
zweigleisig ausgebaut wurde (Voraussetzung für einen
15-Minuten-Takt), fiel es den Planern nicht ein, angesichts der
umfangreichen Bauarbeiten auch gleich zwei Gleisbögen zu
errichten, damit die Triebwagen aus dem östlichen Weinviertel
gleich direkt weiter nach Wien-Leopoldau zur U-Bahn U1 weiterfahren
können. Zwar hätten einige Probleme gelöst werden
müssen: Eine kreuzungsfreie Unterfahrung der Schnellbahngleise
wäre etwas teurer gewesen, eine niveaugleiche Kreuzung der
Gleise hätte jedoch bei einem 15-Minuten-Takt leicht
funktioniert. Bei der geringen Zugdichte eines 15-Minuten-Intervalls
(plus stündliche Eilzüge) wäre die Einflechtung der
5047er-Dieseltriebwagen in die Hauptstrecke mit etwas Geschick kein
Problem gewesen.
Die ÖBB entschied sich jedoch für
Maßnahmen, die den Autoverkehr fördern und die
Nebenstrecke schädigen: Eine riesige, teure neue Umsteigestation
mitten im Niemandsland mit Aufzügen und Treppen bewirkt, dass
auch weiterhin mühsames Umsteigen angesagt ist. Daneben wurde
ein monumentaler Parkplatz gebaut, der dazu führt, dass die
Pendler oftmals nicht bis zu den Bahnhöfen der Nebenstrecke
fahren, sondern gleich bis zu dieser Schnellbahnstation. Ein sicherer
Weg, einer Nebenstrecke die Fahrgäste zu rauben und sie zu
ruinieren. (Unweit der Umsteigestation wird demnächst die
Nordautobahn gebaut. Wahrscheinlich fahren manche Pendler dann gleich
mit dem eigenen Auto weiter zur U1 Leopoldau oder überhaupt in
die Stadt hinein. Die ÖBB riskiert entlang der zukünftigen
A5 einen gewaltigen Verlust an Fahrgästen, trotz Ausbau nach
Laa. Schuld sind diverse Fehler in der Verkehrspolitik der letzten
Jahre.)
Schon im Februar richtete ich zu diesem Thema eine
Anfrage an die ÖBB-Holding, im März wurde diese, gemeinsam
mit anderen Fragen, an eine Bedienstete der ÖBB
Infrastruktur-Bau-Gesellschaft weitergeleitet, etliche Wochen später
bekam die dortige Expertin Frau Dr. Renate Pelz-Nakladal (Leiterin
Projektinformationsmanagement) die Fragen vorgelegt. Am Telefon sehr
freundlich und engagiert wirkend, teilte sie mir im Frühsommer
mit, sie sei gerade dabei, in den verschiedenen Gesellschaften der
ÖBB die jeweiligen Experten zu finden, die auf meine Fragen
Antworten wüssten. Offensichtlich hat die Filetierung der ÖBB
bewirkt, dass zuweilen eine Hand nicht weiss, was die andere tut.
Auch werden als Pressesprecher oftmals keine ÖBB-internen
Experten mit Fachkenntnissen ausgesucht, sondern PR-erfahrene Leute
aus der Werbebranche. Auch der Leiter der ÖBB- Kommunikation
(„Chef-Pressesprecher“) Alfred Ruhaltinger („PR
Agentur Currycom“) ist erst seit Juni 2007 (!) mit Bahnthemen
befasst. Im Juli wurde mir von Frau Dr. Pelz schon Hoffnung gemacht,
dass ich die Erklärung für den Bau der
Monster-Umsteigestation im Niemandsland bald bekommen würde.
Nun, Mitte August, nach über FÜNF (!) Monaten Wartezeit,
war anscheinend noch immer niemand innerhalb der ÖBB
aufzutreiben, der eine Erklärung für dieses teure und
unpraktische Bauwerk hat.
Solche Fehlentscheidungen gefährden
Nebenbahnen. Seit dem Sommer 2006 studieren die ÖBB mehr oder
weniger geheim bereits Varianten zur Einstellung diverser
Bahnstrecken, eine Zeit lang stand sogar die Einstellung der
Kamptalbahn zur Diskussion. Stark einstellungsgefährdet (Ende
2007 oder 2008?) ist die Strecke Groß
Schweinbarth-Sulz/Museumsdorf, also der östliche Teil jener
Strecke, die man über das sinnlose Umsteigebauwerk erreichen
kann.
Der Bahnhof Hohenruppersdorf an dieser Strecke bestand
einst aus einem hübschen Häuschen mit bequemem Warteraum,
der bei 30- oder 60-Minuten-Zugintervall vor Regen und Schnee
schützte (Bild 09). Dieser Bahnhof wurde vor einigen Jahren
niedergerissen (Bild 10), um ein Verladegleis zu schaffen, bei dem
Müll umgeladen wird. LKWs bringen derzeit Müll aus
Niederösterreich zu einer Firma bei Hohenruppersdorf, von wo
dieser mit der Bahn wieder zurück ins Tullnerfeld zum Kraftwerk
Dürrnrohr transportiert und verbrannt wird, wie mir vor Ort
mitgeteilt wurde.
Anstelle des Bahnhofs mit Warteraum wurde
ein sagenhaft hässliches, winziges Glasobjekt auf einem hohen
Betonsockel (Bild 12) hingestellt, das nur über eine kleine
Treppe zugänglich ist. Hohe Zäune schützen die
Fahrgäste davor, vom enorm schmalen Bahnsteig hinunter auf die
Straße zu fallen (Bild 11). Bei Regen, Schnee und Wind bietet
das Glasobjekt fast keinen Schutz. Als ich damals, vor einigen
Jahren, den für Niederösterreich zuständigen
ÖBB-Pressesprecher Johann Rankl kontaktierte (und mich nicht als
Journalist, sondern als Bahnkunde ausgab), erklärte dieser in
ziemlich schroffem, unhöflichem Ton, es brauche in
Hohenruppersdorf keinen Schutz vor der Witterung, da die Fahrgäste
dort immer genau zur richtigen Abfahrtszeit des Zuges eintreffen.
Dies sei bei Pendlern normal. Als Bahnkunde fühlte ich mich von
einer solchen Aussage eines Pressesprechers gefrotzelt und verarscht.
Aber falls die Pläne der ÖBB umgesetzt werden und
auch die NÖ Landesregierung keine kreativen Maßnahmen zur
Erhaltung diverser Bahnstrecken setzt, wird in Hohenruppersdorf
ohnehin bald kein Zug mehr fahren.
Bild 13 zeigt nach all den
ernsten Dingen nun etwas zur Erheiterung des Lesers: Um Personal
einzusparen, werden immer mehr Bahnstrecken „ferngesteuert“,
Stationen bleiben unbesetzt, und es gibt nur in großen
Bahnhöfen einen Fahrdienstleiter (was im Prinzip bei
Finanzproblemen zuweilen Sinn machen kann). Im Bahnhof Kritzendorf an
der Franz Josephs Bahn gibt es offensichtlich ein Kammerl mit
Feuerlöschern, wobei der Schlüssel zur Tür früher
in der Fahrdienstleitung Kritzendorf lag. Falls also eine Lok oder
ein Frachtwaggon brennen sollte, konnte der Fahrdienstleiter (vom
anderen Bahnsteig kommend) rasch herbeieilen. Inzwischen ist der
Bahnhof jedoch unbesetzt, der nächste Fahrdienstleiter befindet
sich im zwei Stationen entfernten Bahnhof St. Andrä-Wördern.
Daher enthält das rote Abziehbild auch den dazu geschriebenen
Hinweis, der Schlüssel zum Feuerlöscher befinde sich nun
zwei Stationen entfernt. Hoffen wir halt, dass es zu keiner
„Brandgefahr“ kommt. Denn erst auf einen Zug warten, und
den Schlüssel dann mit dem Gegenzug mitbringen, klingt bei einer
(allerdings äußerst selten vorkommenden) brennenden Lok
nicht wirklich lustig. Also vielleicht doch keine Geschichte zur
Erheiterung.
Im Teil 5 dieser Reportage erfahren Sie, wie
Experten innerhalb der Bahn mehr als fünf Monate verzweifelt
nach Antworten auf verschiedene Fragen suchten. Es entsteht der
beunruhigende Eindruck, dass jeder ein bißchen etwas weiß,
aber offenbar kaum jemand wirklichen Überblick hat, seit die ÖBB
in Einzelgesellschaften filetiert wurde.