18.8.2007
Die
ÖBB denken monatelang nach und suchen nach Antworten
Die merkwürdigen Erlebnisse
eines Bahnreisenden, Teil 5
Trotz ausdrücklicher
Warnungen von Fachleuten wurden die Österreichischen
Bundesbahnen vor einigen Jahren in etliche Teilorganisationen (unter
dem Dach einer Holding) zerlegt, da man meinte, auf diesem Weg ein
effizienteres, sozusagen privatwirtschaftliches Handeln zu erreichen.
Ob dies bei einem Unternehmen, das primär der Lebensqualität
und der Bevölkerung dienen soll, überhaupt sinnvoll ist,
sei einstweilen dahingestellt. Mit der „Filetierung“ der
ÖBB in Einzelteile, und mit dem Einsetzen von bahnfremden
Managern und PR-Experten wurde allerdings auch bewirkt, dass viele
wichtige Positionen innerhalb des Unternehmens mit Menschen besetzt
wurden, die über den Gesamtorganismus der Bundesbahnen nur wenig
oder gar keinen Überblick haben. Solche Entwicklungen können
nur mit großer Besorgnis beobachtet werden: Wem der Überblick
über das Gesamtunternehmen fehlt, der trifft oft falsche
Entscheidungen.
Mit großer Besorgnis musste ich in den
vergangenen Monaten feststellen, dass es offenbar schwierig ist,
innerhalb der ÖBB Menschen aufzutreiben, die einen Überblick
über die Ausbauprogramme der Bahn und deren Prioritätenreihung
haben. So gelang es der ÖBB-Teilgesellschaft ÖBB
Infrastruktur Bau AG auch nach mehr als fünf Monaten nicht,
einige banale Fragen zu Ausbauvorhaben der Bahn zu beantworten, da es
offenbar nicht möglich war, Leute zu finden, die auf diese
Fragen Antworten geben konnten. Die Geschichte ist so skurril, dass
sie hier im Detail geschildert werden soll.
Im Januar 2007
schrieb ich bei Ökonews eine vierteilige Serie über
Versäumnisse und Notwendigkeiten beim Ausbau der Bahn. In diesem
Zusammenhang formulierte ich auch einige Anfragen an die ÖBB.
Beispielsweise sollte in Zusammenhang mit dem Bau der Autobahn
S1-Südumfahrung auch ein Frachtterminal Inzersdorf errichtet
werden, wo Güter von LKWs auf die Schiene umgeladen werden
können. Das Projekt versank aber bald wieder in den Schubladen,
während auf der Autobahn längst die LKW-Kolonnen brausen.
Ebenso ist es verwunderlich, dass an der Grenze zu Tschechien,
zwischen Laa an der Thaya und Hevlin, wenige hundert Meter Gleis
fehlen, also 18 Jahre nach der Ostöffnung bei der Bahn noch ein
Eiserner Vorhang herrscht, während ein Stück weiter östlich
demnächst eine grenzüberschreitende Autobahn errichtet
werden soll.
Ich schickte diese Anfragen am 2. Februar 2007
bewusst nicht ins Ministerium, sondern an die Holding der ÖBB,
da ich von dieser Seite kompetentere Antworten erwartete als vom
Pressesprecher eines Ministeriums. Dann geschah genau Nichts. Keine
Antwort. Am 6. März mailte ich die elf Fragen erneut, und zwar
an den äußerst sachkundigen Pressesprecher Gary Pippan,
der seit Jahren mit enormem Fachwissen beeindruckt und kürzlich
zum persönlichen Pressesprecher vom Bahnchef Martin Huber
aufgestiegen ist. Pippan leitete meine Fragen binnen weniger Stunden
an die Teilgesellschaft ÖBB Bau Infrastruktur AG weiter. Dort
wurden sie zunächst offenbar zu den Akten gelegt. Als ich in den
folgenden Wochen und Monaten Frau Melitta Ehn und andere Personen der
ÖBB Bau Infrastruktur AG anrief, wurde mir gesagt, man arbeite
an der Beantwortung der Fragen.
Inzwischen präsentierte
der neue Verkehrsminister Werner Faymann am 26. März 2007
gemeinsam mit Bahn-Chef Martin Huber den neuen „Rahmenplan
Verkehr“ für Bahn- und Autobahnausbau. Dieser beinhaltete
viele sinnvolle Projekte im Bahnbereich, wurde aber in Teilbereichen
auch heftig von Experten kritisiert. Der dringend nötige Ausbau
der Pottendorfer Linie wird erst 2020 fertiggestellt, der Ausbau der
Bahn nach Bratislava (18 Jahre nach der Ostöffnung) wird
ebenfalls verschoben, und fürs dringend erforderliche
Güterterminal Inzersdorf gibt es überhaupt kein Geld (der
Bau liege „außerhalb des Rahmenplanzeitraums“
irgendwann in der Zukunft, gesucht wird ein privater Geldgeber). Über
Details dieser Kritikpunkte berichte ich in einem späteren Text.
Am 3. Mai mailte ich wieder mal an Frau Melitta Ehn, am 14.
Mai erneut, jedesmal wurde ich vertröstet, dass man an der
Beantwortung der Fragen arbeite. Mir wurde gesagt, ich könnte
eine Frau Dr. Pelz kontaktieren, die mir Auskunft geben werde. Frau
Dr. Renate Pelz-Nakladal ist derzeit auf der ÖBB-Pressewebseite
als Leiterin des Stabs zur Projektinformation ausgewiesen. Sie wirkte
am Telefon sehr engagiert und meinte bedauernd, sie habe nur gehört,
dass jemand an meinen Fragen arbeite und müsse erst jene
Experten ausfindig machen, die auf die jeweiligen Fragen Antworten
geben können. Genau da zeigt sich das Problem der Aufsplitterung
der ÖBB: Frau Pelz ist eigentlich für Großbauprojekte
zuständig, regionale Baumaßnahmen und der Einfluss
beispielsweise vom doppelgleisigen Ausbau der derzeit eingleisigen
Strecke nach Bratislava auf die Betriebsführung von Regional-
und Fernzügen fallen in die Kompetenz von anderen Teilfirmen der
filetierten ÖBB. Frau Pelz schien sich wirklich zu bemühen,
jedoch kamen weiter keine Antworten.
Per mail antwortete mir
Frau Dr. Pelz komischerweise nie, bis sich herausstellte, dass auf
der für Journalisten gedachten Presseseite im Internet eine
veraltete mail-Adresse angegeben war, die sich auf ihren früheren
Arbeitgeber (HL-AG) bezog und mails ungelesen verschluckte. (Wurde
inzwischen korrigiert.)
Am Telefon wurde mir am 6. Juni
gesagt, die Pressepapiere über den Rahmenplan würden meine
Fragen vermutlich beantworten. Am 20. Juni bekam ich diese per mail,
jedoch listeten diese lediglich Baukosten und Zeitplan auf, Daten,
die ich längst aus anderen Quellen hatte. WARUM beispielsweise
der Bahnausbau nach Osten vernachlässigt wird, WARUM die
Ostbahnbrücke weiterhin zweigleisig statt viergleisig bleibt,
und WARUM das Terminal Inzersdorf nicht gebaut wird, wurde mit keinem
Wort erwähnt. Ich wandte mich am 22. Juni, inzwischen eher
verärgert, erneut an Frau Dr. Pelz und Herrn Daniel Kromoser und
bat eindringlich darum, die im Februar übermittelten Fragen doch
bitte zu beantworten. Eine schriftliche oder mündliche
Beantwortung würde insgesamt bestenfalls 20 Minuten dauern und
könne doch für einen Bahnexperten nicht allzu schwierig
sein. Mir wurde daraufhin, unter anderem in einem Telefongespräch,
versichert, dass binnen weniger Tage Experten für die jeweiligen
Fragen gefunden werden sollen. Ich schlug vor, mich doch telefonisch
direkt mit diesen Fachleuten zu verbinden. Es hieß dann aber,
ich würde eine schriftliche Beantwortung in wenigen Tagen, also
Mitte Juli, bekommen.
Da ich zuvor noch eine 9-seitige
Titelstory für ein großes österreichisches
Nachrichtenmagazin fertigstellen musste, meinte ich arglos, bis
kommenden Montag sei ich sowieso noch beschäftigt. Nein, nein,
hieß es, bis übermorgen seien die Antworten da. Mitte Juli
war das. Nun, Mitte August, gibt’s noch immer keine Antworten.
Die ÖBB Bau Infrastruktur AG schweigt offenbar ratlos.
Ich
will hier das Bemühen von Frau Dr. Pelz-Nakladal durchaus nicht
schlecht machen. Sie schien sich echt zu bemühen. Der Wurm liegt
vermutlich eher im System: Einerseits werden für die
Pressearbeit keine Bahnexperten verwendet, die eine PR-Schulung
haben, sondern PR-Experten, denen Bahnwissen angelernt wird. Auf ein
möglichst elegantes, sauberes, psychologisch abgestimmtes
Präsentieren der Bahn in Hochglanzbroschüren wird mehr Wert
gelegt als auf kompetente Inhalte. Auch der sehr engagierte Leiter
der Externen Kommunikation Alfred Ruhaltinger, der sich kürzlich
sehr rasch und erfolgreich um die Beantwortung einiger Fragen
bemühte, ist erst seit Juni 2007 für die ÖBB tätig
und leitete davor die Agentur currycom, die sich laut Webseite mit
Public Relations, Marketing, Werbung und Eventmarketing beschäftigte
und beispielsweise für Agip, C&A, Kellogg und Ludwig
Schokolade arbeitete. Also nicht unbedingt eisenbahnnahe Themen. Das
PR-Wissen ist bei der ÖBB-Pressearbeit offenbar wichtiger als
die Expertise in Bahn-Belangen. Warum für solche wichtigen
Posten kein bahninterner Fachmann ausgewählt wird, bleibt ein
Geheimnis. (Frau Pelz-Nakladal ist immerhin seit 1984 für die
Bahn tätig: bis 1990 in der Stelle für
Öffentlichkeitsarbeit und Marketing der ÖBB, dann als
PR-Frau bei der HL-AG (die an den Hochgeschwindigkeitsstrecken
baute), und nun nach der Reorganisierung und Zerteilung der ÖBB
wieder bei der Infrastruktur Bau AG.
Das zweite Problem ist
die Zersplitterung der ÖBB-Einheiten. Auf der
„Pressecorner“-Internetseite der ÖBB sind sage und
schreibe 15 verschiedene Pressesprecher aufgelistet, von denen jeder
einen eigenen Zuständigkeitsbereich hat. Themenübergreifende
Fragen müssen da an zwei oder drei Personen gleichzeitig
gerichtet werden. Oder man bittet um Weiterleitung der jeweiligen
Fragen an die entsprechenden Experten, wie ich es im Februar und März
2007 gemacht habe.
Stand Mitte August 2007: Ich warte noch
immer auf Antworten. Einigermaßen verärgert entschloß
ich mich nun, diese Geschichte des Wartens niederzuschreiben. Wobei
ich hoffe, dass trotz dieser Geschichte auch weiterhin ein guter
Kontakt zu den diversen ÖBB-PR-Leuten möglich ist. Es ist
für uns alle wichtig, dass die Bahn in Österreich
erfolgreich ist. Erfolge können durchaus herausgestrichen
werden, aber es muss auch möglich sein, über Schwachpunkte
zu sprechen, um die Bahn noch besser zu machen. Eine starke,
erfolgreiche Bahn im Dienst der Lebensqualität in unserem Land.
Übrigens: Ich warte geduldig weiter. Wenn meine Fragen vom Februar beantwortet werden, werde ich darüber schreiben.