19.8.2007
Ratloses
Wiener Rathaus – Keiner weiss Bescheid
Von der erstaunlichen Tatsache, dass
im Wiener Rathaus niemand Bescheid weiß, wie stark sich die
sieben oder acht geplanten Autobahnen auf die verkehrsbedingten
Treibhausgasemissionen auswirken werden
Es gibt die
Autobahnbefürworter. Sie sagen, neue Autobahnen ziehen den
Verkehr aus den Wohngebieten hinaus ins freie Land, zügiges
Fahren vermindert den Schadstoffausstoß, der Bau neuer
Autobahnen sei daher wünschenswert und umweltfreundlich.
Und
es gibt die Autobahngegner. Sie sagen, gestützt auf
Expertenstudien, dass zwar in manchen Fällen der Verkehr in den
Ortszentren leicht abnimmt, die Gesamtanzahl der gefahrenen Kilometer
jedoch drastisch zunimmt, wenn neue Autobahnen gebaut werden. Straßen
erzeugen Verkehr. Und Shopping Citys entlang der Autobahnen
multiplizieren den Anstieg des Verkehrs, steigern Lärm und
Abgase.
All das ist keine theoretische Frage. Im Osten
Österreichs ist ein Bauboom an Autobahnen geplant, wie er noch
nie zuvor stattgefunden hat. Über den Sinn oder Unsinn einzelner
Projekte lässt sich durchaus diskutieren, beispielsweise ist
eine Autobahn zwischen den Hauptstädten Wien und Bratislava
wahrscheinlich sinnvoll, jedoch muss schärfstens kritisiert
werden, dass diese Autobahn A6 schon im Herbst 2007 fertiggestellt
wird, während die Bahnstrecke zum Pressburger Hauptbahnhof
eingleisig und nicht elektrifiziert ist und laut ÖBB-Rahmenplan
erst im Jahr 2020 (!!!) zweigleisig ausgebaut sein wird. Dieses
Ungleichgewicht ist der wahre Skandal in Österreichs
Verkehrspolitik.
Und es geht eben nicht nur um eine Autobahn.
Südlich von Wien wurde die Südumfahrung Vösendorf-Schwechat
bereits eröffnet. Bei Süßenbrunn ist eine Umfahrung
mit Autobahnquerschnitt und kreuzungsfreiem Anschluss an die
Praterbrücke geplant. Süßenbrunn soll per Autobahn
mit dem künftigen riesigen Knoten Eibesbrunn und weiter mit
Korneuburg verbunden werden. Von Eibesbrunn soll eine neue
Transit-Strecke nach Tschechien gehen. Außerdem soll von
Süßenbrunn die berüchtigte Lobauautobahn über
Großenzersdorf und unter der Lobau und der Donau in zwei
technisch extrem anspruchsvollen Tunnelröhren bis nach Schwechat
geführt werden: Ein superteures Projekt, das mit absoluter
Sicherheit eine sagenhafte Kostenexplosion erleben wird. Dann gibt es
noch die Verlängerung der A22 Donauuferautobahn mit zwei
weiteren donauquerenden Tunneln nach Kaiserebersdorf. Und die
Verlängerung der Südosttangente von Hirschstetten zum
Flugfeld Aspern und zur Lobauautobahn. Und Niederösterreich
wünscht sich eine Autobahn vom Bereich Süßenbrunn
quer durchs Marchfeld und durch die Marchauen Richtung Bratislava.
Und es gibt kleinere Projekte, die aber ebenso bedenklich sind. In
den Natura2000-geschützten Auwald bei Klosterneuburg wird
derzeit eine brutale Schneise geschlagen, um den ersten Teil eines
höchst fragwürdigen Straßensystems zu betonieren. Und
in den Donauauen bei Traismauer ließ das Land Niederösterreich
im vergangenen Winter mitten im Natura2000-Schutzgebiet eine weitere
Schneise durch einen Auwald schlägern, um eine Schnellstraße
hinzubetonieren.
Man kommt beim Mitzählen kaum mit, so
viele Bauprojekte sind es. Die Baufirmen jubeln jedenfalls, während
die Finanzierungsexperten bei der ASFINAG und in den Ministerien
angesichts der Kosten graue Haare bekommen. Alle Studien sagen, dass
der Bau dieser Autobahnen und Schnellstraßen zu einer massiven
Verstärkung des KFZ-Verkehrs führt. Dies betrifft sowohl
PKWs, als auch Lastkraftwagen. Und es handelt sich nicht um eine
Steigerung, die auf jeden Fall kommt, sondern um eine massive
zusätzliche Steigerung von Lärm und Abgasen durch das
Angebot attraktiver Hochleistungsstraßen.
Die
Jahresberichte des Umweltbundesamts zeigen jedes Jahr den Skandal:
Während viele andere Länder ihre Treibhausgasemissionen
langsam in den Griff bekommen und reduzieren, ist Österreich in
dieser Hinsicht ein kompletter Versager. Der Verkehr trägt zwar
nur zu einem gewissen Teil zum CO2-Ausstoß bei, jedoch ist bei
fast ALLEN anderen Sparten (auch bei der Industrie!!!) ein Rückgang
der Emissionen sichtbar, NUR DER VERKEHR ruiniert unsere
Treibhausgas-Bilanz.
Nun werden die Autobahnen in
Zusammenarbeit von Bund, Ländern und ASFINAG geplant. Im
Verkehrsministerium fallen zwar die entscheidenden Beschlüsse,
das Land Wien hat jedoch einen gravierenden Einfluss auf die
Entscheidungen. Es ist daher naheliegend, dass in der
„Umweltmusterstadt Wien“ auch Überlegungen
angestellt werden, wie sich die jeweilige Verkehrspolitik auf den
Ausstoß von CO2 auswirkt – gerade deshalb, weil der
Verkehr in dieser Hinsicht das absolute Krisenthema ist. Egal ob es
nun Studien sind, die von der Stadt Wien in Auftrag gegeben wurden,
oder ob sie bloß als Kopie im Rathaus liegen – ich wollte
wissen, was man in der Wiener Stadtregierung über diese
Problematik weiß.
Am 24. Juli mailte ich an Hofrat
Christoph Ronge, einen der Pressesprecher von Bürgermeister
Häupl. Mir wurde mitgeteilt, dass dieser in Urlaub sei, ich
solle mich doch an Frau Mag. Ursula Eripek wenden, Mediensprecherin
im Büro von Stadtrat Schicker. Sie schrieb mir am 25. Juli in
einem mail, dass die Lobauautobahn notwendig sei, weil die
SUPERNOW-Studie dies ergeben habe. (Diese Aussage ist allerdings
falsch, da die in einigen Bereichen mangelhafte SUPERNOW-Studie zu
diesem Thema widersprüchliche Angaben macht.) Laut Eripek werde
die ASFINAG in der für 2008 geplanten
Umweltverträglichkeitserklärung für die Lobauautobahn
ausrechnen, was diese Autobahn an zusätzlichem CO2-Ausstoß
bewirken werde. (Diese Aussage beunruhigt, da ich eigentlich hoffte,
dass VOR der Entscheidung für ein Projekt überlegt wird,
welche Auswirkungen dieses hat, und nicht erst WÄHREND der
Detailplanung, wenn kein Zurück mehr möglich ist.)
Frau
Mag. Eripek schrieb weiters, die einstige SUPERNOW-Studie habe für
das gesamte Netz an diversen Autobahnen (A5, S8, S1, etc.)
klimarelevante Werte und Schadstoffemissionen überschlägig
dargestellt. (Erstere Behauptung ist leider auch nur begrenzt
richtig: Die Studie nennt zwar tatsächlich einige Zahlen zur
CO2-Emission. Sie sagt dann auf Seite 125 lapidar, dass in allen
untersuchten Szenarien das Kyoto-Ziel einer Reduktion der
CO2-Emissionen um minus 13 Prozent nicht erreicht wird. Nach dem
Motto, es ist eh schon alles wurscht, wir erreichen es sowieso nicht.
Ein absolut unverständlicher und schon damals schwer
kritisierter Mängel dieser Studie besteht allerdings darin, dass
sie keine einzige Variante untersucht hat, die lokale Ortsumfahrungen
und verbesserten Öffi-Verkehr beinhaltet (!!!). Insofern gibt es
keine Referenzdaten, die CO2-Daten sind daher wertlos.)
Frau
Mag. Eripek betonte abschließend, dass die Trassenfestlegung
der Lobauautobahn ja schon rechtlich fixiert sei. Sie hoffe, mir mit
diesen Informationen gedient zu haben. Ich rief sie daraufhin an und
fragte, ob es im Rathaus tatsächlich keine systemischen Studien
gebe, die den Ausstoß von Treibhausgasen VOR dem Baubeschluss
der sieben oder acht Autobahnen seriös untersucht hat. Also
Verkehrsaufkommen und CO2-Emission im Jahr 2020 MIT und OHNE
Autobahnen, bzw. MIT und OHNE Förderung des öffentlichen
Verkehrs. Wobei in den Berechnungen verkehrsbelastete Ortskerne wie
Poysdorf durch Umfahrungen entlastet werden müssten, was in
SUPERNOW wie erwähnt vergessen wurde.
Frau Eripek
verwies mich sodann an Frau Gaby Berauschek, Mediensprecherin der
Abteilung MA18 Stadtentwicklung und Verkehr. Auch Frau Berauschek
konnte zunächst, nach einigen Erkundigungen, keinerlei Daten zu
diesem Thema liefern. In der MA18 gäbe es diese Daten
anscheinend nicht, sie werde aber noch nachforschen und mich dann
nochmals anrufen. Bis heute, also bis Mitte August, kam allerdings
auch von dort keine Information mehr. Frau Berauschek hatte noch
gemeint, vielleicht hätten ja die Autobahnplaner bei der ASFINAG
irgendwelche Zahlen über systemische Verkehrsszenarien und deren
Auswirkungen auf den CO2-Ausstoß. Aber sicher sei sie nicht, ob
die ASFINAG so etwas wirklich untersucht habe.
Ich will hier
den guten Willen der Presseleute im Rathaus nicht in Zweifel ziehen.
Sie haben offensichtlich wirklich gesucht. Beunruhigend ist jedoch,
dass anscheinend wirklich niemanden im Rathaus diese lebenswichtige
Frage auch nur ansatzweise interessiert. Was nützt es, wenn die
Zahlen vielleicht bei der ASFINAG liegen. Die politischen
Entscheidungen fallen im Ministerium und im Rathaus, DORT müssen
die Zahlen liegen. Österreich steuert auf ein komplettes
Versagen im Kyoto-Ziel hin, der Verkehr ist dabei Hauptschuldiger,
und die Politiker in Bund und Ländern beschließen zahllose
neue Autobahnen und kein einziger Experte untersucht, wie sich
verschiedene Szenarien auswirken. Das ist der wirkliche und
gravierende Skandal in der Verkehrspolitik in Österreich. Sie
lassen einfach bauen, und keiner hat eine Ahnung, was die
Auswirkungen sind. Bis die Strafzahlungen wegen Kyoto in Kraft
treten, und bis die riesigen Kredite für die Autobahnprojekte
fällig werden, sitzen die zuständigen Politiker längst
schon pensioniert in ihrem Wochenenddomizil.
Am 23. Juli
haben die sieben beteiligten Umweltschutzorganisationen und
Bürgerinitiativen öffentlich bekannt gegeben, dass sie aus
dem „Runden Tisch“ aussteigen, der als Gesprächsplattform
nach der Lobaubesetzung im vergangenen Winter eingerichtet worden
war. Die Länder Wien und Niederösterreich hatten in den
Verhandlungen kein Interesse gezeigt, auch nur ansatzweise die
autobahngeschwängerte Verkehrspolitik der kommenden Jahre zu
hinterfragen. Stattdessen wurden Mini-Maßnahmen wie ein
Anrufsammeltaxi in Essling angeboten. Ist ja schön, aber zur
Lösung der Verkehrsprobleme brauchen wir größere
Visionen als ein kleines Sammeltaxi.
Auch beim Runden Tisch
war von den Umwelt-NGOs das Thema Treibhausgase zur Sprache gebracht
worden. Auch dort haben die Beamten von Wien und Niederösterreich
ratlos versagt, als es darum ging, den Einfluss der Autobahnen auf
die Emissionen auch nur ansatzweise zu beurteilen. „Entweder
werden uns die Daten von Wien und Niederösterreich absichtlich
vorenthalten, oder sie existieren tatsächlich nicht“,
wunderte sich Heinz Högelsberger, Verkehrsreferent von Global
2000, bereits in der Presseaussendung vom 23. Juli.
Wir
werden diese spannende Frage weiter verfolgen. Es wäre kaum zu
glauben, dass die Politiker in Wien und Niederösterreich in
dieser Frage tatsächlich ahnungslos sind. Und falls doch, dann
können wir langsam beginnen, beunruhigt zu sein.