18. 04. 2008

Bahnhof Perchtoldsdorf soll wegen eines Supermarkts demoliert werden

Bahnhof Perchtoldsdorf Teil 1: ÖBB und Gemeinde Perchtoldsdorf wollen in einer Gemeinschaftsaktion ein Baujuwel beseitigen lassen

 

Nur wenige Bahnhöfe im Umfeld der Großstadt Wien zeigen noch die Schönheit der Eisenbahnarchitektur vergangener Zeiten. Ein besonderes Juwel, ein ebenerdiges Fachwerkgebäude mit Holzschnitzereien, hat sich in Perchtoldsdorf in unsere heutige Zeit herüber gerettet. Das idyllische Bauwerk liegt an der Eisenbahnstrecke Liesing – Kaltenleutgeben, deren Personenverkehr bereits 1951 in der Zeit des aufkeimenden Autoverkehrs eingestellt wurde. Früher konnte man hier, nur wenige hundert Meter vom Ortszentrum Perchtoldsdorf entfernt, in die Bahn einsteigen.

 

Nun will die ÖBB das architektonisch wertvolle Gebäude niederreissen lassen, um das Grundstück zu „verwerten“, wie es in der Sprache der Menschen mit Dollarzeichen in den Augen so schön heisst. Stattdessen soll ein Supermarkt, angeblich eine BILLA-Filiale, entstehen.

Bahnhof Perchtoldsdorf:

ÖBB und Bürgermeister Martin Schuster wollen das historische Bauwerk niederreißen

 

„Selbstverständlich schutzwürdig“

 

Inoffiziell ist von hochrangigen Denkmalschutzexperten zu erfahren, dass das Gebäude nach heutigen Maßstäben „selbstverständlich schutzwürdig“ sei. Die ÖBB nützen aber raffiniert einen Trick, diese Tatsache zu umgehen. Bereits 1987 hatten die ÖBB nämlich einen Antrag auf Abriss des malerischen und in dieser Form nahe Wien einzigartigen Fachwerkbahnhofs gestellt. In den 80er Jahren war das Bewusstsein für den Wert von „Eisenbahndenkmalen“ und „Industriedenkmalen“ noch kaum ausgeprägt. Das Bundesdenkmalamt entschied damals, der Bahnhof sei „nicht erhaltenswürdig“. Nun ist es kaum oder gar nicht möglich, einen einmal getroffenen Bescheid des BDA zu widerrufen, da sich der Grundeigentümer auf den damaligen Bescheid von 1987 berufen kann. Die ÖBB nutzt dies, auf der gnadenlosen Suche nach Geldquellen, geschickt und hemmungslos aus, obwohl dem zuständigen „Verwertungsbeauftragten“ der ÖBB Immobilien AG sehr wohl bewusst ist, dass das Gebäude eigentlich in hohem Maße denkmalschutzwürdig ist!

 

Kostbares Schnitzwerk muss weg, damit eine BILLA-Filiale hinbetoniert werden kann

 

Wiederaufbau als Historyland?

 

Die Gemeinde Perchtoldsdorf, die ebenfalls Einnahmen wittert und den Bahnhof weghaben will, spricht derzeit ebenso wie die ÖBB davon, dass der Bahnhof im kommenden Sommer niedergerissen und Teile davon im Eisenbahnmuseum Strasshof zu einem „Bahnhof“ wiederaufgebaut werden sollen. Nun ist macht bei Eisenbahnbauten ihr Bezug zur Umgebung und zur Region einen Teil ihrer Wirkung aus. Überdies käme niemand auf die Idee, den Stadtturm oder die Kirche von Perchtoldsdorf nieder zu reissen und in einem Historyland-Freilichtmuseum neu aufzubauen, damit nahe beim Hauptplatz ein profitables Hotel errichtet werden könne.

 

Die Rückseite des Bahnhofs, der derzeit als Wohnhaus genutzt wird.

Die ÖBB will den derzeitigen Mieter allerdings hinauswerfen, um das Areal zu Geld zu machen.

 

 

Immerhin regt sich langsam Widerstand in Perchtoldsdorf. Unter anderem von einer engagierten Gruppe namens „Pro Kaltenleutgebnerbahn“, die nicht nur den Erhalt des Bahnhofes fordert, sondern sogar über eine Teilinbetriebnahme der Strecke nachdenkt, wie auf ihrer Homepage http://www.pro-kaltenleutgebnerbahn.at zu lesen ist. Tatsächlich haben auch die Gemeinde Perchtoldsdorf und die ÖBB zeitweise über eine Verlängerung der bereits teilweise existierenden Elektrifizierung nachgedacht, um die derzeit in Liesing endenden Schnellbahnzüge wieder bis zum alten Bahnhof Perchtoldsdorf zu führen, der weitaus näher beim Zentrum liegt als die unattraktive Südbahnhaltestelle Perchtoldsdorf.

 

Wer ist schuld an dem Denkmalfrevel?

 

Doch statt in den Bahnverkehr zu investieren, wollen ÖBB und Gemeinde Perchtoldsdorf nun lieber den Bahnhof beseitigen und zu Geld machen. Welche Personen sind die Schuldigen an dieser Entscheidung? Im nächsten Text werden sie persönlich vorgestellt werden.